DTA 1 Zu Besuch im Deutschen Tagebucharchiv
Warum zeichnen Menschen in ihr Tagebuch, anstatt einfach nur zu schreiben?
2026CREATIVITY
Coline Eberhard
8/29/20264 min read


August 2026, Emmendingen, ein malerisches Städtchen am Rande des Schwarzwalds.
DAS DTA – Deutsche Tagebucharchiv.
Tagebücher mit dicken Einbänden aus vergangenen Jahrhunderten. Von Hand geschrieben, mit der Feder. Manche passen in die Handfläche, gerade einmal 4 × 4 cm groß. Andere lassen sich wie Zauberbücher aufklappen und bedecken den ganzen Tisch.
Die Jahreszahlen: 1965. 2004. 1911. 1837.
Ich besuche das Deutsche Tagebucharchiv. Entdeckt habe ich es über Instagram.
Hier werden die Tagebücher ganz gewöhnlicher, anonymer Menschen aufbewahrt. Für Forschende, die etwas über die Geschichte eines Ortes, gesellschaftliche Bewegungen oder Denkweisen erfahren möchten, sind diese Alltagsleben über die verschiedenen Epochen hinweg eine wahre Goldgrube. Man schlägt ein Tagebuch auf und findet zum Beispiel den Bericht eines deutschen Teenager-Mädchens aus den 1950er-Jahren, das zum ersten Mal ihren Vater trifft, der bis dahin in Russland in Kriegsgefangenschaft war.
Die Archive befinden sich im ersten Stock des Rathauses, direkt am Marktplatz. Und übrigens: Als ich dort ankomme, ist gerade Markttag. Ein Teil der Sammlung ist als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich. Wenn ihr in der Gegend von Freiburg seid, geht hin und schaut es euch an! Wer allerdings tiefer recherchieren möchte, muss die gewünschten Dokumente auswählen, damit sie aus dem Magazin geholt und mehrere Wochen im Voraus bestellt werden können. Ich möchte tiefer gehen.
Ich bin nicht zufällig hier. Ich mache Reisetagebücher, Skizzenbücher. Vor allem aber bin ich leidenschaftlich an den Zeichnungen anderer Menschen interessiert. Genau das möchte ich hier entdecken:
Tagebücher mit Zeichnungen!!! Eine ganze Reihe von Tagebüchern mit Zeichnungen!
Da ist es dann auch nicht so schlimm, wenn ich kein einziges Wort der Seiten entziffern kann, die in Kurrent oder Sütterlin geschrieben sind, den alten deutschen Schreibschriften. Ich will alles sehen, was nicht geschrieben, sondern gezeichnet, skizziert oder eingeklebt wurde. Diese Zeichnungen machen die Seiten für alle zugänglich. Auch die Deutschmuttersprachlern von heute können Sütterlin nicht lesen. Und selbst bei moderner Schrift: Wie viele Handschriften sind total unleserlich?
Das Zeichentagebuch ist ohne Zweifel die beste Zeitmaschine, viiiel effizienter als "nur" geschriebenes.
Aber wie bin ich dazu gekommen?
FLASHBACK: Juni 2026, Comic-Salon Erlangen.
Seit ich mein Buch über die Stadt Weiden veröffentlicht habe – ein Reisetagebuch –, begegne ich vielen Menschen, die versuchen, es in eine Schublade zu stecken. „Das ist kein Tagebuch, weil nicht jedes Mal ein Datum dabei steht.“ „Das ist kein Comic, weil dies oder jenes oder blablabla“.
Für mich spielt es keine Rolle, was es ist. Aber die Summe dieser Bemerkungen belastet mich. Die Entscheidung, nach Emmendingen zu fahren, fällt in dem Moment, als ich beim Deutschland Grösstes Comicfestival Journalisten höre, die Comiczeichnern vorwerfen, ihr eigenes Leben zu zeichnen. Als es sowas vor dem 21.Jhd nicht gab und als sie es ausschließlich tun, um „den sozialen Netzwerken zu gefallen“.
Mit ein paar anderen Zeichnerinnen versuche ich zu erklären, dass es überhaupt nichts Neues ist, sein eigenes Leben zu schreiben und zu zeichnen. Und dass jede und jeder das auf die Weise tun darf, die ihm oder ihr gefällt. Und es teilen oder eben nicht teilen. Da nimmt die Idee Gestalt an. „Ich fahre ins DTA und schreibe einen Bericht über die illustrierten Tagebücher, die ich dort sehe.“
Eine Eingebung. Ein heiliger, mystischer Ruf!
Auf dem Weg nach Emmendingen muss ich an ein anderen Gespräch zurückdenken, das ich vor einigen Jahren im Bus von München nach Sofia mit einem Arzt und Philosophen geführt habe. Er fragte mich, ob New York heute die Stadt der Kunst sei. Ich antwortete, dass mich persönlich das Scrapbook irgendeiner Person in Groningen, seine eigenen Stadt, mehr interessieren würde als alle New Yorker Museen zusammen. Dieses Gespräch hat mich sehr geprägt, und ich denke oft daran zurück.
Mir scheint, dass es in die gleiche Richtung weist wie dieses Archiv. Die eigene Zeit und den Alltag auf künstlerische Weise festzuhalten, in einem Tagebuch, auf einem Computer, etwas aus sich herauszulösen, um es zu zeigen oder auch nicht; sich selbst zum Gegenstand der eigenen Untersuchung zu machen: Das weckt meine Neugier.
Für mich wirkt das ausgesprochen künstlerisch. Man kann etwas erschaffen, indem man reine Fiktion betreibt, die Welt neu erfindet. Oder man kann im Gegenteil eine Facette der Realität zeigen, die dazu beiträgt, diese Realität anders zu verstehen und wahrzunehmen. Ich merke hier was mich persönlich interessiert, was meinem Geschmack entspricht, ist das, was aus der Realität kommt.
Was suche ich im Archiv?
Als ich das Archiv kontaktiere, kommt mir meine Idee selbst überhaupt nicht besonders präzise vor. Für die anderen offenbar schon. Ich werde sehr, sehr herzlich empfangen! Aber was mache ich hier wirklich? Ich zwinge mich, etwas für mich zu antworten.
Ich möchte alte Tagebücher durchblättern, einfach zu meinem eigenen Vergnügen. Und ich bin stolz darauf, mich auf den Weg gemacht zu haben, um etwas zu sehen, das mich wirklich umtreibt.
Aber was erwarte ich?
Ich lasse los: Ich darf hierherkommen, ohne ein genaues Projekt zu haben, und mich einfach inspirieren lassen. Ich muss nichts rechtfertigen. Übrigens verlangt das auch niemand von mir außer mir selbst. Trotzdem ist es nicht nutzlos, nach dem Warum zu fragen.
Was will ich …?
Bewundern.
Verstehen, warum Menschen zeichnen.
Und warum ich zeichne.
Sehen, wie die Seiten gestaltet sind. in einer Zeit, in der Bücher seltener waren, Werbung und Zeitschriften anders aussahen und weniger allgegenwärtig waren.
Mich davon inspirieren lassen.
Wenn ich andere Tagebücher durchblättere, berührt mich die Komposition der Seiten mehr als der jeweilige Zeichenstil. Die Mischung aus Text und Zeichnung ZWINGT zu einer Komposition. Ich werde also zwangsläufig etwas zu entdecken haben, an dem ich mich sattsehen kann. Sehen, ob die Zeichnung im Mittelpunkt steht, ob sie den Text ergänzt oder unabhängig von ihm existiert. Wie funktionieren sie zusammen?
Ich möchte auch die Perspektive dieser Institution kennenlernen: Tagebuch, als wissenschaftliches Untersuchungsobjekt. Und dann, falls sich daraus etwas ergibt, Material haben, um selber einen wissenschaftlichen Artikel zu schreiben. Einen Artikel, der mir beim nächsten Mal hilft, wenn mir jemand ungefragt mansplaint, was ein Tagebuch oder eine Zeichnung eigentlich ist.
Und da bin ich nun.
Ich habe die Tagebücher von etwa zehn verschiedenen Personen durchgeschaut, einige aus dem Museum, andere, die ich im Voraus bestellt habe.
Eine kleine Stichprobe, einen Tag lang unter dem Dachgeschoss durchgesehen, bei drückender Hitze. Und von ein paar habe ich daran gedacht, Fotos zu machen.
TO BE CONTINUED.
Das DTA auf Instagram - https://www.instagram.com/deutsches_tagebucharchiv/
Website Tagebucharchiv - https://tagebucharchiv.de/
This article is part of series of research about sketchbooks: travel sketchbooks, illustrated diaries and other items combining Text and Images. Here I am visiting das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen.
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